Nach meiner Kampfansage der Deutschen Bahn gegenüber habe ich mich jetzt mal wieder auf die Straße begeben und das erste Mal die Mitfahrgelegenheit ausprobiert. Für 11 € (statt für 35) hatte ich die Möglichkeit, mit Thomas in seinem schwarzen BMW mitzufahren. Vor allem meine Mutter war aufgeregt, ob ich nicht an einen furchtbaren Raser geraten sein könnte, hat mich aber dann doch mitfahren lassen. Ab ging es vom Flughafen Frankfurt, wir saßen zu viert in dem Auto, haben uns kaum unterhalten, sondern uns ganz den Klängen der Musik gewidmet. Von "Jenseits von Eden" über "Marmorstein und Eisen bricht" hin zu "Moskau", womit das Klischee eines Studenten, der Mitfahrer mitfahren lässt, entkräftet wäre. Dazu gab es einen intensiven LUSH- Geruch. Wer auch nur an diesem Seifenladen vorbeigegangen ist, kennt den charakteristischen Duft und kann sich gut vorstellen, in welcher Atmosphäre wir gefahren sind.
Zur Beruhigung: Thomas ist keine Rennsemmel. Aber trotz konstanter Geschwindigkeit von
Kaum der Welt von Goethe, Sigmagrenzen und endoplasmatischen Retikulen entkommen, wartet das nächste Abenteuer: ein freiwilliges politisches Jahr in einer Pressestabsstelle. Hier möchte ich darüber schreiben; teils für euch - damit auch ihr mitbekommt, wie es mir geht, obwohl uns mitunter Ozeane trennen - teils für mich - als Onlinetagebuch und Schreibübung. Hier also ein Blog über mich, Bonn und ein gutes Leben. Bühne frei für La Bonn(e) vie!
Sonntag, 6. November 2011
Hitting the road...
Geburtstag far away
Schon seit Freitag habe ich jeden Tag (teilweise mehrmals) in den Briefkasten geschaut, ob ich vielleicht Post bekommen habe für den großen Tag, bis Mittwoch war nicht ein einziger Brief oder eine Karte da, dementsprechend down war ich den ganzen 1. November lang. Ich wollte eigentlich ziemlich viel erledigen, hatte aber dann Lust zu gar nichts und habe nur das Nötigste gemacht. Das ist auch nicht nichts. Habt ihr schon mal einen Kuchen ohne Küchenwaage und elektrisches Rührgerät gebacken? Geht in die Armmuskeln.
Geburtstag weit weg zu feiern ist doof, klar, abends kommen Leute von hier, aber morgens alleine aufzustehen, keiner ist da, keiner singt, es gibt keinen Kuchen, nicht mal Karten oder Briefe sind da, das ist nicht so schön. Dann normal zur Arbeit.
Von meinen Kollegen habe ich einen Blumenstrauß und ein Ständchen bekommen, danach haben wir meinen Schweiß- und Blut- Kuchen zusammen gegessen. Das hat mich mit diesem besonderen Tag versöhnt. Ich habe auch früher Schluss gemacht und dann gekocht.
Auf der Menükarte stand:
Reis mit Kichererbsen-Tomaten- Auberginen- Gemüse
und
Gebackene Bananen mit Sesam und Agavendicksaft (vegan für „Honig“)
Unglaublich lecker, fanden auch meine Gäste. Angestoßen haben wir mit Asti in Kaffeetassen, Gläser hatten wir keine mehr. Wir haben viel gelacht, nach dem Essen wurde ich in der Stadt noch auf einen Cocktail eingeladen, total gut.
An meinem Geburtstag kamen übrigens noch Briefe und Karten und sogar ein Paket und viele Smsn und Anrufe, es war also doch nicht so schlimm wie befürchtet.
Alles in allem war es ein sehr guter Tag, trotz allen Widrigkeiten. Und wahrscheinlich hat mich die Tatsache, diesen Tag alleine zu meistern und ihm weit weg von zu Hause etwas Positives abzuringen, wesentlich erwachsener gemacht als die bloßen Sekunden, die den 2. vom 1. November trennen.
Das Wochenende habe ich dann mit den in Deutschland verbliebenen verbracht, die weder krank noch in Rostock waren. Freitag gab es en leckeres Essen mit meiner Familie, Samstagabend einen netten Spiele- und Unterhaltungsabend. Auch das war total klasse.
Dienstag, 1. November 2011
This is Halloween
Ich freue mich schon seit einigen Wochen, seitdem ich herausgefunden habe, dass der 1. November in Nordrhein- Westfalen – ein Hoch auf die Katholiken! – ein Feiertag ist. Ein so schön freier Tag erlaubt uns, Halloween gebührend zu feiern.
Weil Anne und Anne schick kostümiert waren (als kranke Schwestern -> blutiges Krankenschwesterkostüm), musste ich improvisiert auch tauglich gemacht werden. Mein normales Outfit wurde einfach durch viel Kunstblut aufgepeppt.
Wir haben uns wieder früh auf den Weg nach Köln gemacht, diesmal ohne Zwischenstop und ohne Verirrungen, trotzdem kamen wir erst um kurz vor elf Uhr an. Dieses Mal kamen wir erst spät in den Club, weil wir über zwei Stunden anstanden. Freibier ist dann doch ein Anreiz für viele. Es war ziemlich voll aber richtig gut. Wir haben ausgelassen getanzt und uns super unterhalten. Der Abend hat sich gelohnt, wenn er auch kürzer war, als Samstagnacht: um halb fünf Uhr früh waren wir schon im Bett.
Sonntag, 30. Oktober 2011
Simsalabim - meine erste Goa
Seit ich hier bin wurden all meine Versuche, auf eine Goa zu gehen, vereitelt, dieses Wochenende hat es geklappt.
Um alle geographisch Gebildeten vor einem Missverständnis zu bewahren: ich meine nicht den indischen Bundesstaat, sondern eine Tanzveranstaltung der speziellen Musikrichtung. Platt gesagt ist Goa Hippie- Elektro. Natürlich ist das stark vereinfacht, ich könnte euch hier einen langen Vortrag über klangliche Diversitäten halten, doch den erspare ich euch – unter anderem weil ich absolut keinen Unterschied zu klassischem Elektro/Minimal hören kann. Mea culpa, mea maxima culpa.
Das Publikum ist anders. Ganz anders. 50 Prozent der Besucher tragen Dreads, gekleidet sind alle in bunten Gewändern aus Leinen, manchmal Filz, überall sind Glöckchen oder Blumen, die Haare der Damen wimmeln von Schmetterlingen in allen Größen. Alternativ kann man in Jeans und T- Shirt kommen. Getroffen habe ich auch Pan, erkennbar an den langen Ohren und der Flöte um den Hals. Für die meisten ist „stampfen“ ein Synonym für „tanzen“ (das benennen sie auch so), dementsprechend sieht es auf der Tanzfläche aus. Jeder bewegt sich wie er will, wie es ihm passt, es gibt keine Regeln dafür, außer, dass man versucht mit seinen Bewegungen niemanden zu stören. Der Raum ist also gefüllt von stampfenden, springenden sich drehenden Menschen, was nicht bedeutet, dass es nicht gut aussehen kann: viele bewegen sich unglaublich gut und bei den meisten geht der Stil weit über das beim R’n’B typische Popogewackel hinaus. Bei manchen nicht, bei manchen sieht es dämlich aus – aber who cares? Egal ist es auch, wenn jemand einfach mit geschlossenen Augen an der Wand steht und den Kopf zur Musik hin und her wippt, dabei lächelt. Würde man in einem Club komisch angeschaut werden, stellen sich bei einer Goa einfach andere dazu und freuen sich an der Musik ohne zu tanzen. Ähnlich wie beim Gruftitanzen geht es eben allein um die Musik und den Spaß an der Bewegung und nicht darum, sich zu profilieren und seinen Körper zur Schau zu stellen. Sehr angenehm.
Die anderen berichten auch, dass sie noch nie eine Prügelei oder Pöbelei auf einer Goaveranstaltung gesehen haben. So friedlich geht es in normalen Clubs ja auch nicht zu. Goa ist also gut.
Quelle: http://forum.hanfburg.de/upload/goa2.jpg
Kommen wir zu meiner ersten Goa: Um viertel nach Sieben haben Anne und ich uns auf den Weg gemacht, mit Zwischenstop bei Anne (der anderen) kamen wir in Köln an – Niehl oder Nippes? Eine repräsentative Umfrage durch die gesamten Kontakte der beiden Annes ergaben eine Chance von p=0.5 für Nippes, also fuhren wir dort hin, leider falsch. Bis zwölf Uhr kostete die Party nur 15€, danach mehr (kurzer Einschub: 15€ ist für Goaverhältnisse extrem viel, da hat man schon was zu erwarten). Um genau drei vor zwölf stiegen wir aus der richtigen Bahn. Mit uns erhoben sich etwa 50 andere, draußen ein synchrones Gerumpel, alle Bierflaschen in die Mülleimer, dann setzte sich die Schlange in Bewegung, wir beeilten uns der Kopf der Bewegung zu werden, um eventuell noch vor der Preiserhöhung in den Kunstpark zu kommen. Kaum biegen wir um die Ecke in den Innenhof des Fabrikgeländes sind wir weniger der Kopf als viel mehr die Nieren der Schlange. Doch ein Hut am Ende des Tunnels: an der Kopfbedeckung erkennen wir zielsicher einen Freund, der etwa an der Position der Tracheallunge steht (wer in der Anatomie einer Schlange nicht so bewandert ist wie ich, halte sich die Grafik im Wikipediaartikel „Schlangen“ unter „Innere Organe“ vor Augen). So kamen wir zwar kurz nach zwölf erst rein, die Kassierer scheinen aber die Turmuhren nicht gehört zu haben und wir kamen noch verbilligt rein.
Die Location war der Hammer, drei Floors innen, dekoriert mit Bildern, die mit schwarzlichtaktiven Farben gemalt wurden, draußen ein großer Sandstrand (auch wenn das Meer nur aufgemalt war), die DJs saßen in einem Boot, überall riesige Sitzsäcke und . Lagerfeuer. Ich habe selten monotonere Musik gehört aber ehrlicherweise auch selten besser getanzt. Zwischendurch saßen wir draußen mit den anderen und haben ein bisschen geredet und Ende Oktober das letzte Mal das Sommerfeeling genossen. Irgendwann zwischen vier und fünf habe ich für eine halbe Stunde geschlafen, anders hält man das ohne Drogen ja nicht aus. Um acht Uhr früh waren wir endlich im Bett, nach 7.5 Stunden tanzen (Zeitumstellung macht es möglich). Die ganze Nacht war super und die Simsalabim hat den Ruf einer legendären Halloween- Goa verdient.
Freitag, 28. Oktober 2011
Das Seminar
Ich habe bisher keinen Aufhänger gefunden, mein Seminar zu einem spannenden Text zu verarbeiten – deswegen hat es auch so lange gedauert…
Jetzt einfach kurz und knackig:
Montag – Anreise. Haben uns zu dritt in der Bahn getroffen, der Bonner Rest hat den Treffpunkt nicht gefunden, weil die rote Uhr mittlerweile grau ist. Auf Fahrt alle weltbewegenden Themen geklärt: pro/contra Veggietum, politische Lage, Ergebnisse des letzten Fußballspiels. In Rheinbach die anderen 17 Teilnehmer getroffen, alle sehr sympathisch, Spaß von Anfang an. Zimmerverteilung, Steckbrief mit gemaltem Portrait und erstes Projekt: Einkaufsliste für Kochdienst schreiben. Abends Diskussion auf dem Zimmer über Gott und die Welt.
Dienstag – Impulsreferat und anschließende Diskussion in Kleingruppen: Was erwarten wir von einer perfekten Gesellschaft? Welches System/welche Gesetzte würden wir in einem perfekten Staat aufstellen? Diskutiert anhand von 18 Themen (z.B.: Familie, Geschlechter, Arbeit, Gesundheitssystem, Gewalt, Drogenkonsum…) Fast die Köpfe eingeschlagen, aber dann doch lieb gehabt. Einsatzstellenvorstellung. Abends Tassen bemalen und Unterhaltung bis noch später in die Nacht + Sekt.
Mittwoch – Besuch in Bonn. Besuch bei ijgd (Trägerschaft). Stadtführung Regierungsviertel. 26% der Bevölkerung ausländischen Hintergrund (platter Selbstversuch: durchzählen mit 1,2,3, Türke). Gruppe geht in Museum, alle, die schon mal da waren, chillen in der Stadt. Total guter Tag. Abends noch länger wach mit noch interessanteren Diskussionen. Spätestens heute verstehen sich alle so gut, als würden wir uns seit Wochen kennen. Nach 12 Uhr Geburtstag Kevin.
Donnerstag – Planung nächstes Seminar. Unsere Gruppe kauft ein. Hätten fast einen Zierkürbis zu Suppe gemacht, an der Kasse noch gemerkt. Suppe war superlecker, unglaublich lecker, hat aber drei Stunden gebraucht. Abends „Wag the Dog“ gesehen. ab 12 Uhr Geburtstag Jessi. Längster Abend.
Freitag – nach 1.5 Stunden Schlaf auf zum Brötchen holen. Großputz (Selbstversorger putzen selbst), Abschlussrunde, Zugfahrt heim. Durchschlafen bis Samstag 12 Uhr.
Das Seminar war der Hammer. Wir hatten so viel Spaß und haben uns so gut verstanden, das ist unglaublich.